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Eine Reise nach Eriksberg II 16. Juli 2009

Posted by oldoerpancestors in Allgemein, Meine eigenen Vorfahren - my own ancestors.
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Fortsetzung…

Ich stehe vor der Einfahrt zum Eriksberg Naturreservat. Als Sprachenbeauftragte der kleinen Reisegruppe steige ich aus dem temperierten Auto in die schwedische Backofenhitze und bezahle brav unseren Eintritt von 110 SEK für jeden vuxen. Bei Bedarf kann man kostenfrei CD oder Musikkassette für das Autoradio ausleihen, um auf Englisch oder Schwedisch während der Rundfahrt Erläuterungen zu bekommen. Dumm nur, wenn man weder CD noch MC im Autoradio hat… Es ging auch ohne. Wir folgen dem Weg durch das Eriksberg Naturreservat.  Es geht rauf und runter, um Felsen herum, an riesigen Felsplatten vorbei, immer mitten durch den Wald. Die Temperatur ist bei offenen Autofenstern erträglich, der Speicherplatz auf den Camerachips ausreichend und der Motor des Autos stark genug, um uns die kurzen steilen Anstiege der Felsen auf dem Weg hinaufzuziehen. Im Wald verstreut sehen wir öfter Reste von Fundamenten aus Feldsteinen aufgeschichtet. Überall ziehen sich längere Feldsteinmauern hin, wohl, um früher Felder oder so voneinander abzugrenzen. Aussteigen ist in Eriksberg nur auf den Parkplätzen erlaubt. Ich fühle mich auch sicherer dort, im Bewußtsein, dass jetzt durch den Park auch Mufflons und Wisente sowie Wildschweine streifen. Bengt Berg hatte Ende der 1930er Jahre das Gut Eriksberg nach dem Tod des mir persönlich unsympatisch erscheinenden Gutsbesitzers Jeppsson gekauft und dort einen Zaun herumgezogen und Tiere gezüchtet und auch angesiedelt.

Wir kommen an einem See vorbei. Während wir die kühlende Brise genießen, verpassen wir fast das Dammwild, dass sich rechts an uns vorbei durch den Wald bewegt. Als wir ein Stück weiter um eine der vielen Kurven biegen, sehen wir einen anderen See. Es ist DER See mit den Seerosen, für die Eriksberg bekannt ist. Wir folgen dem Weg oberhalb des Ufers und kommen an einem der Lieblingsplätze der Wildschweine vorbei. Hier ist es schattig, direkt am Wasser und sie fressen gerade… mittendrin auch Frischlinge. In Deutschland hätte ich wesentlich mehr Respekt in so einer Situation, denn Bachen, die Frischlinge führen sind mit das Gefährlichste, was einem in deutschen Wäldern droht. Doch hier sind sie die Menschen und die Autos gewöhnt und wissen, dass die nur auf dem Weg bleiben (dürfen). Der Weg macht einen kleinen Anstieg und wir stehen plötzlich auf einem Felsplateau mit Blick über den See, der zu mindestens einem Drittel mit Seerosen gefüllt ist. Ganz weit hinten auf dem anderen Ende des ovalen Gewässers sehe ich einen weiteren Felsen. Später sollte ich erfahren, dass dort Rävakas gewesen ist. Mit dem Teleobjektiv schieße ich ein Foto nach dem anderen. Wir rollen weiter nach unten am Ufer entlang. So unglaublich schön ist das hier. Ich kann es gar nicht fassen.

Weiter geht es Richtung Utsikten. Links von uns schnattern Enten und Gänse auf einem anderen See. Es riecht auch nach… Endprodukten der Tiere. Warum auch immer… im Gänsemarsch überqueren Gänse und Entchen auf einmal den Weg, auf dem wir fahren wollen. Wir halten auch für Schnatterinchen. Immer wieder sehen wir während der Fahrt kleine Stücken, manchmal vielleicht nur 200 oder 300 qm groß, auf denen wohl früher Landwirtschaft betrieben wurde. Sorgsam steinfrei geräumt, rundherum die Steine zu Mauern aufgehäuft, in der Nähe Reste von Fundamenten auch aus Steinen. Es geht wieder bergan. Plötzlich stehen wir auf einem Parkplatz. Aha, hier ist das Aussteigen erlaubt. Als ich das Auto verlasse und auf dem Felsplateau umherlaufe, werde ich überwältigt von dem Ausblick, der sich mir bietet. Wir stehen oberhalb der nördlichen Maravik, haben einen Blick auf beide Durchfahrten zur Ostsee, vor uns liegt Dragsö. Das ist Skandinavien. Felsen, Felsbrocken, Wasser, Wald. 2 Schwäne erheben sich aus dem Wasser. Ich kann es kaum in Worte fassen. Diese Schönheit ist atemberaubend.

Rechts am Parkplatz, also in westlicher Richtung steht ein Häuschen mit der Aufschrift Toalett. Als ich durch die offene Tür sehe, kann ich zur anderen Seite wieder hinausgucken. Ein Plumpsklo mit Aussicht. Dort unten am Fuße dieses Hanges so überlege ich später, könnte Tegelbruket Mara gewesen sein. Sicher bin ich mir aber nicht. Später erfahre ich auch, wo Kroksvik gelegen hat. Auf der anderen Seite der Maravik auf der westlichen Halbinsel, auf der der Ostsee zugewandten Seite.

Hinter uns rotten sich immer mehr Wolken zusammen. Wir sehen es blitzen in den Wolken. Es ist trocken und warm, heiß auf den Felsen. Immer noch wie im Backofen. Damit wir uns den Rest des Parkes noch trocken ansehen können, geht es schnell weiter. Dabei wäre ich gerne noch dort geblieben und hätte mich weiter staunend in die schwedische Natur gestellt.

Fortsetzung folgt…

Kommentare»

1. Arne Nilsson - 16. Juli 2009

Sooo schlimm ist der Gutsherr Eduard Jeppson doch gar nicht gewesen. Er ist der Sohn eines Händlers aus Guemåla, und hat später in Karlshamn einen größeren Bauernhof gepachtet. Gutsherr ist er erst 1926 geworden, als seine (12 Jahre ältere) Frau starb. Die ist nämlich die Witwe des Gutsherrn Fahlström gewesen und hat etwa 1881 den Jeppsson geheiratet.

Den Vertrag mit Håkansson hat also die Gutsherrin, nicht die Frau des Gutsherrn, geschlossen. 1926 hat Jeppsson dann zusammen mit mindestens einer Stieftochter geerbt, so dass keiner den anderen auszahlen konnte und man bis 1938 zusammen weiterwurschtelte.

Der Torparevertrag ist dem Status eines Hufners oder Käthners in Norddeutschland gar nicht mal so unähnlich. Auch dort galt für die Bauernstellen ein in einem Dienstreglement für das Dorf festgelegtes Pensum an Hand- und Spanndiensten, die zu erbringen waren. Diese wurden mit der “Bauernbefreiung” in eine Geldschuld umgewandelt, die die Bauern, die damit Volleigentümer wurden, über Jahrzehnte abzustottern hatten (weswegen sich einige von Gutsbesitzern etc. alles abkaufen ließen).

Schweden hat offenbar auf persönliche Freiheit umgestellt, die Torpare aber nicht zu Eigentümern, sondern nur zeitlich Nutzungsberechtigten mit Gegenleistung gemacht, so dass man also seine Bauern in Abhängigkeit hielt und sie bei Pflichtverstoß raushauen konnte. Da keine Vorsorge für Krankheit und Alter getroffen wurden, wurden sie dann auch regelmäßig weggejagt (wie es auch Handwerkern, Soldaten und Marineleuten ging). Dieser nach dem Grundsatz der Vertragsfreiheit geschlossene Vertrag galt auch nicht für Erben und Kinder, ging also nicht über (das kommt einem heute komisch vor, ist es aber gar nicht, wenn man sich klar macht, dass im Arbeitsrecht ja auch keiner glaubt, dass wenn der Vater beim Daimler schafft, das Arbeitsverhältnis mit seinem Tod für ein Kind automatisch weiterläuft).

Das Armenhaus in Märserum war deshalb ab etwa 1850 ausgesprochen voll, im Hausverhörsbuch findet sich auch eine viele Seiten umfassende Rubrik mit Personen, die ohne Ortszuordnung als “im Kirchspiel” und “schutzlos” bezeichnet wurden. Das Armutswesen bestand häufig in einem Zuschuss für eine Auswanderung, um die Armen, die sonst für eine bestimmte Zahl von Tagen reihum von den Bauern aufgenommen werden mussten oder in einem von diesem gebauten und unterhaltenen Armenhaus zusammengefasst wurden, loszuwerden.

Wer da ohne gesunde Kinder alt wurde, endete als “utfattig” (verarmt) bzw. fattighjon irgendwo am Katzentisch.

2. oldoerpancestors - 16. Juli 2009

Aha, wieder was dazugelernt. Übrigens merkt man an deinen Formulierungen klar deine Profession :-)

Vielleicht sollte ich eher sagen, dass mit Gutsherren/herrinnen im Allgemeinen unsympathisch erscheinen? Das triffts wohl eher.

Kennst du das erwähnte Buch? Du hast ja schon ne Menge recherchiert über die Region dort. Wie oft warst du eigentlich schon da?

Was die Beschreibung des Armenhauses angeht… kennst du die Folge wo Michel aus Lönneberga ein Fest für die Armen gibt? Ich glaube, das war eine treffende Darstellung, oder?

3. Arne Nilsson - 16. Juli 2009

Na, die Gutsherren sind schon unterschiedlich. Auf Schloss Ahrensburg hat Graf Daniel Rantzau die Bauern (auch Hufner) persönlich im Keller durchgeprügelt und zeitweise gefangengesetzt. Da wurden eben auch Schlösser usw. auf Kosten der Bauern und von den Bauern selbst gebaut. Dann hat man Bauern “gelegt”, also von Bauern zu Tagelöhnern gemacht, und das ganze auch noch mit der eigenen Gerichtsbarkeit durchgezogen.

Andererseits gab es auch Gutsherren, die sich um ihre Bauern, das Personal und die Tagelöhner gekümmert haben. Kirchen gebaut, Schulen gebaut, Tagelöhnerhäuser gebaut, die Tagelöhner auch im Winter ernährt und die Säufer zu einem besseren Lebenswandel angehalten.

Offenbar je nach Veranlagung und wohl im wesentlichen nach der Ertragskraft des Guts. Will ich Schloss, Kutsche und Barockgarten, muss ich entweder ein großes Gut haben, oder es eben aus wenigen Bauern auf schlechtem Land herauspressen.

Zwei meiner Urgroßeltern konnten tatsächlich im Bereich ihres Geburtsortes ihr Leben relativ sorglos mit Festanstellung, Altersvorsorge und Erwerb eines verbilligten Grundstücks zum Hausbau verbringen, und zwar als Holzhaumeister und Dienstmädchen beim Fürsten Bismarck (alle 6 anderen waren gezwungen, aus Mecklenburg, Dithmarschen, Schweden, Südhannover und dem Erzgebirge wegzugehen, um den Lebensunterhalt zu verdienen). Die Fürstin kümmerte sich auch um kranke Kinder und schickte sie auf eigene Kosten zur Kur. Meine Urgroßmutter erhielt bis zu ihrem Tod 1956 ein Deputat an Würsten, Holz, Kohle, Eiern usw.

Es geht also auch anständig, wenn man als Gutsherr genug Geld hat.

Eriksberg ist ja der Agrarkrise zum Opfer gefallen, die zu mehreren Versteigerungen des Guts führte. Der letzte Graf war schon 1851 durch Tod abgegangen. Die Nachfolger mussten Kaufpreise irgendwie aus dem Gut erwirtschaften. Komischerweise lässt sich aus den Hausverhörsbüchern ablesen, dass ab etwa 1850 auf Eriksberg vielerlei neue Ortschaften (Kristineberg, Adolfsberg, Stellans Park) entstanden und in den Bestandsortschaften viele Neuzuzüge stattfanden. Wie das der schwachen Landwirtschaft aufhelfen sollte, bleibt rätselhaft. Vielleicht sollte Geld eingenommen werden durch Verkauf von Bauplätzen, oder das Personal kostenfrei werden, indem man an Fremde Grundstücke gab, für die sie Arbeiten zu leisten hatten. Früher Tagelöhner, denen man Geld geben musste, dann Inhaber von kleinen Hütten, die kostenfrei schufteten und sich aus dem eigenen kleinen Garten ernährten.

Ich kenne das Buch, hab’s aber noch nie gesehen oder gelesen. In Eriksberg war ich noch gar nicht, weil von meinen Vorfahren einzig der Bootsmann Gumme Jacobsson Laustis dort gelebt hat. Nur anderweitige Nachkommen meiner Vorfahren haben Eriksberg geradezu überschwemmt, während meine Vorfahren eben aus Hällaryd, Bräkne-Hoby, Ronneby, Mörrum, Backaryd und Asarum kommen.

Das Lönneberga-Armenhaus ist eigentlich baulich noch ziemlich komfortabel gegenüber den Hütten, in denen sie die Armen geparkt haben. Schon die Hütte eines sozial wesentlich höher gestellten Torpare ist ja schon ein Elendsquartier gewesen.

Aus dem Lönneberga-Teil kann man allerdings lernen – und so war es in Großbritannien (vgl. Oliver Twist u. ä.) auch – wie Privatisierung des Sozialwesens schon damals funktionierte. Ich habe eine Problemgruppe zu betreuen und schreibe als Gemeinde diese Leistung aus. Der, der am wenigsten dafür haben will, erhält den Zuschlag. Weil er entweder absichtlich zu knapp geplant hat, um den Zuschlag zu kriegen, oder zu dämlich für eine realistische Kalkulation ist, muss er sich was einfallen lassen, wie er Kosten reduziert und zu einem Gewinn kommen kann. Da kommt in Frage am Essen, am Waschen, an Heizung und an der Gebäudeunterhaltung zu sparen, bei krankenkostenintensiven Betreuten einen frühen Tod zu wünschen und die schlimmsten Fälle rauszuekeln. Im Herzogtum Braunschweig erhielten Arme keine Heiratsgenehmigung, um den Zuzug eines weiteren “Kostgängers” und deren nachfolgende Vermehrung zu vermeiden (daher Quoten von nichtehelichen Geburten dort dicht bei 50%).

Wenn die Armenhäusler in Eriksberg eine Damwildherde gesehen hätten, hätten sie nicht auf den Auslöser gedrückt, sondern den Abzug ausgelöst – endlich wieder was zum Essen, das nicht Buchweizengrütze oder blaue Milch hieß.


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